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Dorfchronik Rabenscheid                 Dorfgeschichte Rabenscheids in tabellarischer Form

- geschrieben von Dr. K. Löber (+) für eine Festschrift im Jahr 1975 -

Was lässt sich wohl von einem kleinen Dorf erzählen, das sich kaum von all den vielen kleinen Dörflein des Hohen Westerwaldes unterscheidet?
Gibt vielleicht der Name etwas her über seine Vergangenheit? Sollte er etwa mit der Meinung zusammenhängen, dass der Westerwald eine unwirtliche Gegend sei, in der sogar die "Lieben" (Liebenscheid) und "Raben" (Rabenscheid) von einem Abschied nehmen?

Ach, das ist längst als hanebüchener Unsinn erkannt!
Und in jedem Jahr mehren sich die frohen Wanderer und besinnlichen Naturfreunde, die den Hohen Westerwald in ihr Herz geschlossen haben und viel mehr von ihm wissen als das dumme Gerede von dem Wind, der angeblich über seine Höhen so kalt wehen soll.
Das mit den "Raben", das stimmt allerdings. Nur waren damit nicht die krächzenden Krähen gemeint, sondern die großen Kolkraben, die klugen Vögel Wotans, die mit ihrem klangvollen Rufen unsere einst so dicht bewaldeten Höhen erfüllten.
Und das "Scheid" passt genau dazu, stand das Wort doch früher für "Grenzwald", ja für "Wald" überhaupt. Das "Dorf im Wald der Wotansvögel"; na, wenn das nicht ein ganz besonderer Name ist.

Wie alt unser Dorf wohl ist?
Das lässt sich wohl nicht mehr ermitteln; es gibt darüber keine Urkunden.
Fest steht aber, dass schon vor rund 2000 Jahren Menschen in kleinen Dörfern innerhalb der heutigen Gemarkung Rabenscheid gewohnt haben und dem Ackerbau nachgegangen sind.
Am "Grauborn" und am "Rückerscheid" sind solche Dorfanlagen aus der sogenannten Eisenzeit noch gut mit Hausstellen, Ackerrainen und Fluranlagen zu erkennen.
Warum diese Dörfer verschwunden sind - wir wissen es nicht genau.
Vermutlich hat eine kühlere Klimaperiode die Siedlungen eingehen lassen und Wälder darübergelegt.
Die heutigen Westerwalddörfer auf "-scheid" könnten vor etwa 700 bis 800 Jahren als Inseln in den damals noch geschlossenen "Wald im Westen" eingerodet worden sein. Waldbauern siedelten auf der Hochfläche und legten im Schutz der großen Waldungen ihre Äcker an. Und sie verweilerten das geschlagene Holz zu Kohlen, mit deren Hilfe sie aus dem vom Scheldewald her auf Eselsrücken herbeigeholten Roteisenstein das für sie notwendige Eisen erschmolzen. Spuren solch alter Eisengewinnung sind heute noch am "Rückerscheid" deutlich zu sehen.

Langsam wich der Wald zurück und machte großen Weideflächen Platz, auf denen sich ständig vergrößernde Viehherden Nahrung genug fanden.
Jahrhundertelang waren Kühe, Ochsen, Rinder und Kälber der wahre Rückhalt für das Auskommen der Rabenscheider.
Noch heute hat das Dorf eine der größten Westerwälder Herden.

Noch im vergangenen Jahre gehörte sie mit ihrem vielstimmigen, harmonischen Schellengeläut zum wohlvertrauten Erscheinungs- und Hörbild unserer weitflächigen, hin und wieder von einzelnen Erlen- oder Wacholdergruppen belebten Triften, und immer war der erste Viehaustrieb im Frühjahr einer der wichtigsten, von quirlendem Leben erfüllten Tage des Jahresgeschehens. Auch an Rabenscheid ist die "neue" Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Während man früher zu Hause arbeitete und nur einzelne Männer nach Breitscheid oder ins Siegerland zur Arbeit gingen, bringt heute eine große Kolonne von Autos, Motorrädern und Bussen ganze Scharen von Männern und Frauen zu auswärtigen Arbeitsstätten. Eine großzügige Flurbereinigung hat viel zu dieser Wandlung beigetragen.
Ganz verschwunden sind die alten Westerwaldhäuser, von denen die letzten noch vor dem Krieg zu sehen waren.
Mit ihrem langen, meist zur Wetterseite hin geneigten Strohdach boten sie immer einen traulichen Anblick, sonderlich dann, wenn der Schneesturm dicke "Wehde" um sie gelegt hatte, lange Eiszapfen von den Dachtraufen hingen und drinnen in der Stube das gemütliche Klappern des Webstuhls oder das Surren der Spinnräder zu hören war.
Nun sind sie alle umgebaut oder neu aufgezogen.
Zugleich hat sich aber der Umfang des Dorfes beträchtlich erweitert.
Von den drei nacheinander gebauten Schulhäusern dient keins mehr seinem ursprünglichen Zweck.
Eines hat sich zum Dorfgemeinschaftshaus gewandelt und bildet mit dem Gemeindehaus und der alten, in ihrer trutzigen Art so außerordentlich westerwaldgemäßen Kirche die geistig-kulturellen Mittelpunkte des Dorfes.
Was ist geblieben im Wandel der Zeit?
Da ist vorweg die klar gegliederte, in sanften Linien und Wellen gerundete Landschaft mit ihren Wiesen- und Weidegründen, ihren Schutzhecken und der so wohltuend reinen Luft zu nennen, gleich schön zu allen Jahreszeiten.
Vor allem aber sind da die Rabenscheider selbst, trotz mancher "Blutauffrischung" doch rechte "Wäller geblieben, schlicht, treu und zuverlässig, ihr Dorf mit allen Fasern liebend und zugleich den Aufgaben unserer Zeit zugewandt, das Wort ihrer Väter beherzigend:
"De ahle Leu un de naue Wääg, den fiehrt mr noa!"

Dorfgeschichte Rabenscheids in tabellarischer Form